MÜNSTER. Es war ein ungewöhnlicher Moment im Großen Haus des Theaters Münster. Statt in Kostümen betraten die Künstler am vergangenen Sonntagabend die Bühne in pinkfarbenen Warnwesten. Auf Transparenten waren die Forderungen „Sicherheit“ und „Würde“ zu lesen. Das Publikum staunte, denn es erwartete die Vorstellung „Die Schwäne“. Doch zunächst wurder gestreikt: 15 Minuten lang.
Der Protest richtet sich gegen die Folgen des bevorstehenden Intendanzwechsels. Zur Spielzeit 2027/28 übernimmt Neil Barry Moss die Generalintendanz. Zahlreiche Beschäftigte müssen damit rechnen, dass ihre Verträge nicht verlängert werden. Die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA), die zum Streik aufgerufen hat, will auf eine Praxis aufmerksam machen, die an deutschen Theatern seit Langem üblich ist.
Besonders hart trifft
es das Tanztheater. Elf von zwölf Ensemblemitgliedern sind nach den
vorliegenden Angaben von einer Nichtverlängerung bedroht.
Ausgerechnet bei „Die Schwäne“, der letzten Aufführung von
Lillian Stillwells Neudeutung von Tschaikowskys „Schwanensee“,
wird damit die Zukunft jener Menschen infrage gestellt, deren
gemeinsames Tanzen die Inszenierung prägt. Was bedeutet es für eine
solche Produktion, wenn fast das gesamte Ensemble gehen muss?
Hinter den Zahlen stehen persönliche Schicksale. Ein Tänzer ist gerade Vater geworden. Eine Beschäftigte steht kurz vor der Rente. Eine Mutter hat ihr Kind erst vor Kurzem in einer Kita in Münster angemeldet. Für die Betroffenen geht es nicht allein um einen Arbeitsplatz, sondern um ihre berufliche Zukunft und ihre Lebensplanung.
Auch in anderen Sparten stehen zahlreiche Stellen infrage. Im Musiktheater sind nach Angaben der Gewerkschaft vier von sechs Sängerinnen und Sängern betroffen. Im Schauspiel droht sieben von 15 Ensemblemitgliedern die Nichtverlängerung. Für Schauspieler bedeutet das möglicherweise, eine vertraute Bühne, eingespielte Kolleginnen und Kollegen und ein über Jahre gewachsenes berufliches Umfeld zu verlieren. Für Sängerinnen und Sänger kann es das Ende einer Zusammenarbeit sein, die ihre eigene künstlerische Handschrift entwickelt hat.
Auf der Bühne sprechen Christian Bo Salle, Obmann der GDBA in Münster, und die Tänzerin Nadja Simchen über die Lage. Der Protest richte sich nicht gegen das Publikum, sondern gegen die Bedingungen, die solche Unsicherheit ermöglichten. Die Zuschauer antworten mit tosendem Applaus.
Im Mittelpunkt steht der Normalvertrag Bühne. Die GDBA fordert eine Reform der tariflichen Regelungen, die bei Intendanzwechseln umfangreiche Nichtverlängerungen ermöglichen. Zu ihren Forderungen gehören Übergangsregelungen für bestehende Ensembles, verbindliche Gespräche mit den Beschäftigten und eine stärkere Beteiligung der Ensemblevertretungen bei der Auswahl neuer Theaterleitungen.
Auch die Stadt Münster steht in der Kritik. Die Beschäftigten sehen Handlungsmöglichkeiten vor Ort, um die Folgen des Intendanzwechsels abzufedern. Oberbürgermeister Tilman Fuchs verweist dagegen auf die bundesweite Dimension des Problems. Nach der Vorstellung erklärte er, dass in Münster eine Praxis umgesetzt werde, die deutschlandweit verbreitet sei und deshalb auch auf dieser Ebene gelöst werden müsse. Wie „Münster täglich“ von verschiedener Seite bestätigt wurde, steht der Streik nicht im Zusammenhang mit der Haushaltssperre in Münster. Die Mittel für das Theater wurden demnach schon längerfristig im Voraus eingeplant.
Um 18.15 Uhr begann schließlich die Vorstellung. Die Künstler kehren zu ihrer Arbeit zurück. Doch die 15 Minuten haben sichtbar gemacht, was sonst nur hinter dem Vorhang bleibt: Ein Theater besteht nicht nur aus Inszenierungen und Spielplänen, sondern aus Menschen, deren Können seine künstlerische Identität prägen.
Die Schwäne tanzen an diesem Abend noch einmal. Ob die meisten Tänzer auch in der kommenden Spielzeit zum Theater Münster gehören werden, ist dagegen ungewiss. Der Streik stellt eine Frage, die weit über Münster hinausgeht: Wie viel zählt die künstlerische Arbeit eines Menschen, wenn eine neue Intendanz beginnt?
(C) Siegmund Natschke
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