Heute ist derselbe Ort eine andere Welt. Wo einst Hausrat, Gartenabfälle und der Bauschutt landeten, umweht frischer Wind nun Gräser und seltene Kräuter. Auf den rekultivierten Hängen weiden Schafe. finden Bienen Nahrung, und Vögel steuern die offenen Flächen an. Zwischen Kies, Sand und Totholz finden sogar Zauneidechsen ideale Lebensbedingungen. Am Fuß der Deponie stehen Bäume alter Obstsorten auf einer eigenen Streuobstwiese. Über allem zieht der Vogelzug der nahen Rieselfelder hinweg. Das alles ist der „Monte Scherbelino“ heute.
Am Hang des Monte Scherbelino wachsen nun Obstbäume. Foto: Siegmund Natschke.Gemeint ist damit vor allem (aber nicht nur) die Zentraldeponie I, die von 1957 bis 1980 betrieben wurde. Rund 1,2 Millionen Kubikmeter unsortierter Haus- und Gewerbemüll wurden hier abgelagert – Restmüll und Sperrmüll, all das, was damals nicht mehr gebraucht wurde. Der Müllberg wuchs auf rund 36 Meter über dem ursprünglichen Geländeniveau an.
Was heute wie eine begrünte Landschaft aussieht, ist deshalb keineswegs ein Stück Natur, das hier einfach so entstanden ist. Unter der Oberfläche liegt weiterhin der alte Müll. Zwischen 1999 und 2001 wurde die Deponie für rund 4,8 Millionen Euro saniert und rekultiviert. Der Deponiekörper erhielt eine mehrschichtige Oberflächenabdichtung, die Gasfassung wurde erneuert beziehungsweise ergänzt, ebenso die Sickerwasserfassung. Aus dem alten Müllberg wurde eine gesicherte, begrünte Landschaft.
Doch die Geschichte des Monte Scherbelino endet nicht mit der Zentraldeponie I. Ab 1980 entstand die Zentraldeponie II – die Fortsetzung der Abfallgeschichte und zugleich der Beginn einer erstaunlichen neuen Entwicklung. Denn aus den rekultivierten Flächen wurde nach und nach ein Lebensraum.
Die Hänge der Zentraldeponie II sind sonnig und dem Wind ausgesetzt. Es gibt offene Flächen, auf denen sich keine dichten Gehölze ausbreiten sollen. Genau diese Bedingungen sind für bestimmte Tier- und Pflanzenarten wertvoll. Extensive Pflege hält die Flächen offen und schafft unterschiedliche Strukturen.
Auf dem Deponieplateau wurden wechselnd feuchte Bereiche angelegt. Sie können Arten wie Bekassine, Flussregenpfeifer und Feldlerche zugutekommen. Andere Flächen sind trocken und sonnenexponiert und bieten Lebensraum für Braunkehlchen, Neuntöter, Schwalben, Zauneidechsen und wärmeliebende Insekten.
Für die Zauneidechse wurde ein Bereich mit Kies und Schotter, Sandlinsen und Totholz geschaffen. Was für den Menschen wie eine Ansammlung von Steinen und Holzresten aussieht, kann für ein Reptil genau der richtige Ort sein, um Wärme zu tanken, sich zu verstecken und Nahrung zu finden.
Auch der Uhu gehört zum Artenspektrum des Deponiegeländes. Die Deponie liegt in einem Uhu-Revier. Baumwurzelstücke werden als mögliche Nisthilfen bereitgestellt. Wieder begegnen sich hier zwei Welten: Unter der Erde liegt alter Müll, darüber kann eine große Eule ihren Lebensraum finden.
Eine besondere Rolle bei der Pflege der Flächen spielen die Schafe. Sie halten das Gras kurz, verhindern durch Fraß und Tritt eine zu starke Verbuschung und sorgen damit für unterschiedliche Strukturen. Auf Flächen, die schwer maschinell zu mähen sind, übernehmen sie einen Teil der Landschaftspflege. Selbst ihre Wolle kann für die Natur nützlich werden, denn Vögel verwenden sie als Nistmaterial.
Am Fuß der Zentraldeponie II liegt die besagte große Streuobstwiese mit alten Obstsorten. Sie wird gänzlich ohne Düngung und extensiv bewirtschaftet. Zwischen den Bäumen entsteht eine artenreiche, fast paradiesische Kulturlandschaft, die vielen Tieren und Pflanzen Nahrung und Rückzugsmöglichkeiten bietet. Zur Blütezeit wird die ehemalige Abfalllandschaft zu einem wichtigen Nahrungsraum für Bienen, Schmetterlinge und andere Insekten.
Seit Juni 2020 stehen am Fuß der Zentraldeponie I auch Bienenvölker. In den Sommermonaten können dort nach Angaben der Abfallwirtschaftsbetriebe insgesamt etwa 40.000 bis 50.000 Bienen unterwegs sein. Sie finden in der Umgebung ein breites Angebot an Blüten – auf den extensiv gepflegten Deponieflächen, auf der Streuobstwiese, im angrenzenden Wald und in der weiteren Umgebung mit den Rieselfeldern und der Aa.
Am eindrucksvollsten aber zeigt sich die neue Bedeutung des alten Müllbergs am Himmel.
Seit 2020 werden auf der Zentraldeponie II Vogelzählungen durchgeführt und Vögel beringt. Die erhöhte Lage und die Nähe zu den Rieselfeldern machen das Gelände zu einem besonderen Beobachtungsplatz für den Vogelzug.
Wie groß dieses Schauspiel sein kann, zeigte sich am 18. Oktober 2021. Zwischen 8.10 und 11 Uhr zählte Vogelkundler Johannes Amshoff dort genau 63039 Vögel aus 33 Arten. Allein 54211 Ringeltauben zogen in südlicher Richtung über das Gelände. Dazu kamen 6174 Buchfinken und 1612 Bergfinken, 364 Rotdrosseln, 234 Stare und 86 Erlenzeisige. Auch 76 Feldlerchen, 38 Wiesenpieper, 14 Bachstelzen und 9 Wacholderdrosseln wurden gezählt. Das sind unglaubliche Zahlen. Unter den beobachteten Vögeln waren außerdem ein Merlin, eine Kornweihe, zwei Rotmilane, zwei Mäusebussarde und ein Habicht. Sogar der seltene Wasserpieper wurde registriert.
63039 Vögel in knapp drei Stunden – über einem Ort, an dem einst Müll aus Münsters Haushalten abgeladen wurde.
Der Gegensatz könnte kaum größer sein. Die Natur erobert sich ihren Raum in einer Landschaft, die es ohne ihre ungewöhnliche Vorgeschichte so vielleicht gar nicht gäbe.
Der Monte Scherbelino ist deshalb kein Naturparadies im klassischen Sinn. Und das macht ihn so spannend. Er ist eine Landschaft zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Technik und Natur. Ein Stück Münsters, in dem der alte Müllberg noch immer unter der Oberfläche liegt – während sich darüber längst eine neue Welt entwickelt hat.
(C) Siegmund Natschke
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