Direkt zum Hauptbereich

Kein Hausarzt mehr in Berg Fidel

BERG FIDEL. Ein ganzer Stadtteil ohne Hausarzt: In Berg Fidel ist das Wirklichkeit geworden. Ende März diesen Jahres hat nämlich die bisher einzige Hausarztpraxis von Dr. Post hier geschlossen. Unglaublich: Seitdem gibt es keine ärztliche Versorgung mehr vor Ort. Trotz längerer Ausschreibung konnte kein Nachfolger für den Kassensitz gefunden werden. Die Einwohner von Berg Fidel sind erschüttert.
Die Initiative "Berg Fidel solidarisch" protestiert gegen den Hausarzt-Notstand im Viertel. Foto: PM.

Wie kann es sein, dass nun alle von uns für einen Termin quer durch die Stadt müssen? Viele von uns sind älter, wenig mobil und haben chronische Krankheiten. Und wenn wir akut krank sind, sollen und wollen wir doch nicht über fünfzehn Minuten mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur nächsten Praxis fahren. Da ist das Ansteckungsrisiko für andere doch viel zu hoch“ erklärt etwa Daniella, Anwohnerin aus Berg Fidel, stellvertretend für viele.

Doch es tut sich was: Die Stadtteil-Initiative „Berg Fidel solidarisch“ hat im Rahmen der Kommunalen Gesundheitskonferenz knapp hundert Unterschriften für eine Hausarztpraxis in Berg Fidel an Cornelia Wilkens, Vorsitzende der Gesundheitskonferenz, überreicht. „Die Unterschriften drücken Enttäuschung, Frustration und die Forderung nach einer Lösung vor Ort aus und sind eine lautstarke Handlungsaufforderung an die Stadt“, so Nino von „Berg Fidel solidarisch“.

Auf der Konferenz, bei der auch die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe teilnahm, wurde unter anderem über den „Gesundheitskiosk“ gesprochen, der im nächsten Jahr in Berg Fidel entstehen soll. „Was dieser konkret leisten wird, ist noch nicht klar, fest steht aber, einen Arzt oder eine Ärztin ersetzt er nicht, auch wenn das von manchen Politikern so verkauft wird.“, heißt es von „Berg Fidel solidarisch“.

In Berg Fidel leben derzeit knapp 6000 Menschen, das sind deutlich mehr, nämlich das Dreifache, an Patienten, die normalerweise pro Kassensitz zugerechnet werden. Dennoch rentierte sich die Hausarztpraxis unter der Leitung von Dr. Post scheinbar nicht. Im Stadtteil wohnen unterdurchschnittlich wenige Menschen mit einer privaten Krankenversicherung und die meisten haben ein verhältnismäßig geringes Einkommen. Beides sind Faktoren, welche sich negativ auf die Rentabilität eines Praxisstandortes auswirken. „Solange das Gesundheitssystem und die ärztliche Versorgung auf Profite ausgerichtet ist, werden Stadtteile wie Berg Fidel vernachlässigt werden. Es lohnt sich einfach nicht und das finanzielle Risiko ist anscheinend zu hoch“ so Nino von „Berg Fidel solidarisch“.

Ein kommunales medizinisches Versorgungszentrum wäre eine sehr gute Lösung gewesen, meint die Initiative: “Auf uns wirkt es so, als wäre es gar nicht richtig versucht worden, eine Lösung hier vor Ort zu finden“, teilt Nino mit. Bei einem kommunalen Versorgungszentrum in öffentlicher Hand hält die Stadt den Kassensitz und stellt Ärzte als Beschäftigte an. Dieses Modell findet immer mehr Anwendung in ländlichen und städtischen Gebieten, in denen sich keine Ärzte selbstständig niederlassen.

Bei der Schließung der Hausarztpraxis handelt es sich um die Fortführung eines besorgniserregenden Trends. Bereits in der letzten Bezirksvertretungssitzung Münster Hiltrup im Preußenstadion hat Natalia Sikach von „Berg Fidel Solidarisch“ Politik und Verwaltung darauf hingewiesen, dass die Daseinsvorsorge in Berg Fidel immer mehr schwindet. „Post, Sparkasse, Arztpraxis – alles verschwindet hier, und die Räume bleiben leer zurück“. Auf die Frage was Politik und Verwaltung hiergegen zu tun gedenken, habe sie, so teilt sie mit, keine „substanziell zufriedenstellende“ Antwort erhalten, sondern lediglich den Hinweis, dass der Supermarkt und die Apotheke ja immerhin noch da wären. „Das ist auch nicht viel mehr als ein Trostpflaster, zumal die Sorge in Berg Fidel groß ist, dass ohne Praxis nebenan die Apotheke ebenfalls schließen könnte.“ ,sagt Natalia Sikach. Fortsetzung folgt...

(C) Siegmund Natschke

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Sprakel: Gaststätte „Sandruper Baum“ schließt – und öffnet

  SPRAKEL. Ganz Sprakel stand kurzzeitig unter Schock: Die traditionsreiche Gaststätte „Sandruper Baum“ schließt für immer ihre Pforten, hieß es. Und in der Tat: “Unsere Zeit ist hier zu Ende.“, hieß es von den Pächtern Holger und Brigitte Pohlkamp in einem emotionalen Facebook-Post: “Nach siebzehn und erfolgreichen Jahren heißt es nun Abschied nehmen.“ Mit einem weinenden und einem lachenden Auge schließe man die Türen der Gaststätte „Sandruper Baum“. Ein Ort, der dank den Gästen so viel mehr gewesen sei als ein Arbeitsplatz. Denn: “Wir durften unzählige liebe Kunden begrüßen und begleiten, wundervolle Hochzeitsfeiern, liebevolle Geburtstage, feuchtfröhliche Vereinsveranstaltungen und so viele besondere Momente miterleben.“ Jede einzelne davon bliebe in bester Erinnerung. Und so schließt der Post: “Danke für siebzehn Jahre voller Begegnungen, Geschichte und Genuss. Danke für alles!“ Die Gaststätte "Sandruper Baum" schließt vorübergehend ihre Pforten. Foto: Siegmund Natschke...

Bauprojekt Friedrichsburg: Wo bleiben die Wohnungen?

  MÜNSTER. Eigentlich sollten hier rund 500 Wohnungen entstehen, dazu Kitas, Gastronomie, Nahversorgung und Büros. Eigentlich. Auf dem ehemaligen Klosterareal "Friedrichsburg" zwischen Weseler Straße und Kolde-Ring soll eines der größten neuen Stadtquartiere Münsters entstehen. Doch derzeit ist von diesem Vorhaben auf dem Gelände kaum etwas zu erblicken, nur eine grüne Wiese ist zu sehen. Der Hochbau hat noch immer nicht begonnen, der Tiefbau allerdings auch nicht. Lediglich ein paar Baumaterialien wurden abgelegt. Bauarbeiter? Fehlanzeige. LKWs? Fehlanzeige. Totenstille. Achja: In der Ferne sind zwei Kräne zu sehen. Doch die rühren sich nicht. Hier tut sich nichts. Warum tut sich an der Friedrichsburg nichts? Fotos: Siegmund Natschke Dabei sind die planerischen Voraussetzungen längst geschaffen. Der Bebauungsplan wurde 2022 beschlossen, die Baugenehmigung folgte am 21. Mai 2024. Mehr als zwei Jahre später wartet das Projekt weiterhin auf den eigentlichen Baubeginn. Inves...

Tilman Fuchs: Das will der neue OB

  MÜNSTER. Schon nach der Hälfte der ausgezählten Stimmen war gegen 20 Uhr klar: Der nächste Oberbürgermeister von Münster wird der grüne Tilman Fuchs sein. Ganze 57, 91 Prozent der Wähler stimmten für ihn bei der Stichwahl am Sonntag, für seinen Kontrahenten Georg Lunemann (CDU) votierten 42,09 Prozent (vorläufiges amtliches Endergebnis). Vorgänger Markus Lewe (rechts) gratulierte Tilman Fuchs (li.) Foto: Stadt Münster. Was aber will der erste grüne Oberbürgermeister von Münster? Was sind seine Ziele und Positionen? Wenige Tage vor der Wahl hat das Tilman Fuchs gegenüber „Münster täglich“ erläutert. Um Münsters Finanzkollaps zu verhindern, müssen wir in den kommenden Jahren mehr als bisher Prioritäten setzen.“, betonte er: “Dabei sind für mich die durch den Rat beschlossenen Ziele der Stadt handlungsleitend: Klimaneutralität, Mobilität, Wohnen, der Abbau von Armut und Diskriminierung sowie eine starke Wirtschaft.“ Apropos Wohnen: Hier ging Tilman Fuchs ins Detail. Neue Wohnungen ...