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Einführung des neuen Bischofs von Münster: die ganze Predigt von Heiner Wilmer

 

Am vergangenen Sonntag ist der neue Bischof von Münster, Heiner Wilmer, in sein Amt eingeführt worden. Viel hatte er den Münsteranern zu sagen, und seine Worte berührten die anwesenden Gläubigen im Paulusdom. Nicht wenige möchten gerne nachlesen, was das neue geistige Oberhaupt des Bistums den Menschen mit auf den Weg gab. "Münster täglich" hat den vollen Redetext:


Liebe Schwestern und Brüder!

Seid nicht bange!

Steht hin!

Haltet fest am Glauben!

Diese Worte stehen am Anfang. Und sie tragen uns durch das, was ich sagen möchte.

In den vergangenen Tagen sind wir durch das Bistum Münster gepilgert. Nicht nur von Ort zu

Ort, sondern von Mensch zu Mensch, von Erfahrung zu Erfahrung. Wir sind über Asphalt

gegangen, Pflastersteine und Sandwege, auch durch herrliche Buchenwälder. Der Pilgerweg

führte uns vorbei an Kornfeldern, Industrieanlagen und Handelsunternehmen, durch Dörfer und Städte. Wir haben die herbe Kühle uralter Kirchen gespürt, diesen Atem von Stein und Zeit, der uns umfängt, wenn wir eintreten und für einen Moment alles still wird. Wir haben im Schatten von Eichen gesessen, haben Brot geteilt und hartgekochte Eier, schlicht und einfach, und doch war es mehr als nur Nahrung. Wir haben den Wind gespürt, den Regen auf der Haut, die Sonne im Gesicht. Wir haben im Gras gesessen, miteinander gegessen,

miteinander gesprochen – und vor allem: einander zugehört.

Ich hatte dabei nur eine Frage: Was sind Ihre Erfahrungen mit dem Glauben?

Nicht: Was denken Sie darüber? Sondern: Was haben Sie erlebt? Was hat Sie geprägt? Wo hat der Glaube getragen – und wo hat er gefehlt? Wo war Gott spürbar – und wo blieb er fern? Wie leben Sie den Zweifel? Wie halten Sie die Dunkelheit aus, das Nicht-Verstehen, das Ringen mit Gott?

Und ich habe Vieles gehört. Verletzliches. Offenes. Unfertiges. Ich habe gehört von Vertrauen

– und von Enttäuschung. Von Hoffnung – und von Brüchen. Und ich habe Menschen gehört,

die sich nicht verstecken. Die ringen. Die fragen. Die glauben – auf ihre Weise.

Und am Ende dieser Tage geschah etwas, das mich tief bewegt hat: Unsere Pilgerinnen und

Pilger gaben sich gegenseitig Worte mit auf den Weg. Keine großen Programme. Keine

fertigen Antworten. Sondern einfache, starke Sätze, die gebündelt so lauten:

Seid nicht bange! Steht hin! Haltet fest am Glauben!

Und genau hier berühren sich unsere Erfahrungen mit dem Evangelium dieses Tages.

Jesus sendet seine Jünger aus. Er schickt sie nicht in eine sichere Welt. Er schickt sie nicht in eine klare, einfache Situation. Er sagt ihnen: Ihr werdet auf Widerstand stoßen. Ihr werdet

bedrängt werden. Ihr werdet erleben, was auch Jeremia erlebt hat – Ablehnung, Verfolgung,

Spott. Jeremia, der Prophet, wird vom Priester Paschhur eingesperrt, gefoltert und in den

Block gespannt. Jeremia wird öffentlich gedemütigt. Er kennt Angst, kennt Erschöpfung. Das Schlimmste: Jeremia fühlt sich von Gott selbst getäuscht, vorgeführt. Dennoch sagt er später:

„Singt dem Herrn, rühmt den Herrn; denn er rettet das Leben des Armen aus der Hand der

Übeltäter.“

Und Jesus sagt: Fürchtet euch nicht. Seid nicht bange.

Und dann dieser eine Satz im Evangelium, der alles bündelt:

„Wer sich zu mir bekennt, zu dem bekennt sich auch der Vater im Himmel.“

Was heißt das – bekennen?

Im griechischen Urtext steht das Wort „homologéo“. Es bedeutet: dasselbe sagen,

übereinstimmen, mitsprechen. Bekennen heißt also nicht zuerst: etwas behaupten.

Bekennen heißt: mein Leben stimmt mit dem überein, was ich sage. Mein Herz, mein Wort,

mein Handeln gehen in ein- und dieselbe Richtung.

Bekennen heißt: mit Gott übereinstimmen – und es sichtbar werden lassen.


Und genau das ist alles andere als einfach.

Unsere Zeit ist unruhig geworden. Peter Sloterdijk spricht von unserer Zeit als einem

Trainingsraum für Überforderung, als Daueranspannung, als Experiment ohne Netz. Wir sind hin- und hergerissen zwischen einem tiefen Verlangen nach Sinn, nach Dauer, nach Ewigkeit

– und einer Wirklichkeit, die sich oft im Augenblick verliert. Wir spüren: Wer tiefer sieht,

leidet mehr. Leiden ist der Preis gesteigerter Sensibilität.

Und in dieser Situation stellt sich die Frage neu: Wozu stehen wir? Zu wem bekennen wir

uns?

Das Bistum Münster kennt Antworten. Keine abstrakten. Sondern gelebte. Das Bistum

Münster ist reich an prophetischen Stimmen. Es gibt hier so viele. Ich möchte nur drei

nennen.

Ich denke an Annette von Droste-Hülshoff. In ihrer Erzählung „Die Judenbuche“ geht sie

dorthin, wo es weh tut. Sie beschreibt Schuld, Gewalt, Ausgrenzung. Sie schaut auf

ausgegrenzte Minderheiten in Gesellschaft und Religion, wo andere wegsehen. Und sie stellt

sich – leise, aber unüberhörbar – auf die Seite derer, die keine Stimme haben.

Und wenn wir heute hören, was Menschen erzählen, die Opfer von Gewalt geworden sind,

die missachtet wurden, verletzt wurden, deren Würde angetastet wurde – dann spüren wir,

wie nah uns diese Stimme ist. Es sind die Geschichten von Überlebenden von

Machtmissbrauch. Geschichten, die lange nicht gehört wurden. Geschichten, die uns nicht in Ruhe lassen dürfen.

Hier wird deutlich:

Bekennen heißt: nicht wegsehen.

Bekennen heißt: die Wahrheit aushalten.

Bekennen heißt: an der Seite der Verwundeten stehen.

Dann denke ich an Maria Droste zu Vischering, die im Erbdrostenhof in Münster geboren

wurde und die wir als Schwester Maria vom GöƩlichen Herzen kennen. Ihr Leben führt vom

einheimischen Kloster hinaus in die Welt, nach Portugal, in die Stadt Porto. Sie verlässt das

Vertraute, um dort zu sein, wo Menschen aufgrund der rasanten Industrialisierung am Rand

stehen – Mädchen und Frauen, die verarmt sind, die in die Prostituton gedrängt und

ausgegrenzt werden, die keine Perspektive haben.

Zugleich ist Schwester Maria vom Göttlichen Herzen eine Frau tiefer Mystik. Eine Frau des

Gebets, der inneren Sammlung, der Hingabe an Gott.

In ihr verbinden sich zwei Bewegungen, die zusammengehören: Mystik und Politik.

Die innere Verbundenheit mit Gott – und die konkrete Hinwendung zum Menschen. Ihr

Leben erzählt davon, dass wir nicht nur Verantwortung haben für unsere Familien,

menschlichen Beziehungen und Ordensgemeinschaften, unsere Dörfer und Städte, sondern auch für unser Land und für die Welt. Denn wir bewohnen alle das eine große Haus und gehören alle zusammen zu einer großen Menschheitsfamilie.

Bekennen heißt: aus der Tiefe Gottes heraus in die Welt gehen.

Bekennen heißt: beten – und handeln.

Bekennen heißt: Gott suchen – und den Menschen dienen.

Und schließlich Schwester Maria Euthymia. In der nationalsozialistischen Terrorherrschaft, in

der die Welt sich spaltet in Freund und Feind, geht sie einen anderen Weg. Sie sieht den Menschen. Sie versorgt Verwundete. Sie gibt Brot, auch verbotenerweise den Feinden. Sie verbindet Wunden. Auch dort, wo Grenzen gezogen werden.

Als sie im Kriegsgefangenenlager Dinslaken vom Tod ihres Bruders Hermann erfährt, gefallen in Russland, steht sie still. Unendlicher Schmerz ist da. Und dann geht sie weiter. Zu denen, die sie brauchen, zu den russischen Kriegsgefangenen.

Bekennen heißt: im Unklaren das Gute tun.

Bekennen heißt die Grauzonenkunde (Sloterdijk) zu meistern. Schwester Maria Euthymia steht für die laute Stille der prophetischen Stimme und beherztes Handeln.

Und damit sind wir bei uns.

Bekennen heißt nicht, perfekt zu sein.

Bekennen heißt nicht, keine Zweifel zu haben.

Bekennen heißt nicht, immer sicher zu sein.

Bekennen heißt: sich ausrichten. Sich festmachen. Sich nicht verstecken.


Vielleicht beginnt es ganz klein. Ein Wort, das nicht angepasst ist. Ein Schritt, der nicht

bequem ist. Ein Blick, der den anderen wirklich sieht.

Und vielleicht spüren wir dabei die Angst.

Die Angst, anzuecken.

Die Angst, allein zu stehen.

Die Angst, missverstanden zu werden.

Aber genau hier liegt die Verheißung Jesu:

Wer sich zu mir bekennt, zu dem bekennt sich auch der Vater im Himmel.

Über dem Abgrund der öffentlichen Bloßstellung müssen wir uns nicht selbst sichern.

Wir dürfen uns von Gott halten lassen.

Seid nicht bange! Steht hin!

Haltet fest am Glauben! Amen.

Bischof Heiner Wilmer. Foto: Bistum Münster.

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