Direkt zum Hauptbereich

Der Friedensgang der Messdiener: Gegen die Schrecken des Krieges

 NIENBERGE. Es wird nicht friedlich auf der Welt, im Gegenteil. Neue Kriege brechen aus und scheinen einfach nicht mehr aufzuhören. Und so gewinnt eine jahrzehntelange und überregional einzigartige Tradition in Münster-Nienberge anno 2025 plötzlich höchste Aktualität.

Die Nienberger Messdiener zogen mit Fackeln zum "Russenfriedhof" Haus Spital. Fotos: Archiv Siegmund Natschke

Hier gehen nämlich Messdiener Jahr um Jahr an Allerheiligen zum Ehrenfriedhof „Haus Spital“. Viele kennen ihn hier nur als „Russenfriedhof“. Haus Spital war während des 1. und im 2. Weltkrieg ein Kriegsgefangenenlager. Die Toten wurden gleich nebenan beerdigt. Auf diesem Friedhof ruhen 816 Kriegstote des Ersten Weltkrieges, vornehmlich Russen, aber auch Polen, Ukrainer, Wolgadeutsche, ein Inder sowie etwa 200 Kriegstote des Zweiten Weltkrieges aus der ehemaligen Sowjetunion. Angst und Qual werden das Leben in der Kriegsgefangenschaft geprägt haben. Heute, über ein Jahrhundert nach Ende des 1. Weltkrieges und acht Jahrzehnte nach dem Zweiten, lässt sich das nur noch erahnen. Am großen Tor des Friedhofs steht „Requiescant in Pace“, was so viel heißt wie „Ruhe in Frieden“. Menschen unterschiedlichster Nationen sind hier gemeinsam begraben, die doch einst auf dem Schlachtfeld so erbitterte Feinde waren.Gerade in Zeiten des Ukraine-Krieges, in dem sich Ukrainer und Russen heute ebenfalls unversöhnlich gegenüberstehen, gewinnt das Ritual der Messdiener eine erschütternde Aktualität. Ein richtiger „Friedensgang“ sei das, heißt es denn auch von den Teilnehmern. Einer, der noch nie ausgefallen sei. Egal, wie das Wetter auch gewesen sei.

Und so war es auch dieses Mal: Trotz kalter und feuchter Witterung machten sich die Teilnehmer gemeinsam mit Diakon Reinhard Kemper entschlossen auf den Weg. Er war auch dieses Mal wieder mit dabei, auch in seinem Ruhestand engagiert er sich unermüdlich in der St.-Sebastian-Gemeinde. Ganz vorne dabei war Kaplan Jan Röttgers, für ihn war es eine Premiere. Es war sein erster Friedensgang zum "Russenfriedhof".  Startpunkt war die Nienberger Friedhofskapelle, wo Pfarrer Daniel Zele eine Andacht hielt. Dann ging es in einem Fackelzug gemeinsam zum Ehrenfriedhof. Dort wurden Grablichter aufgestellt. Im St.-Sebastian-Pfarrzentrum endete dieser besinnliche Tag.

In Rjasan, der russischen Partnerstadt von Münster, hat man die Nienberger Tradition inzwischen übernommen. Ebenfalls an Allerheiligen zieht dort eine Gruppe von Bürgern zum dortigen Kriegsgefangenenfriedhof Djagelewo, um hier an die Kriegstoten beider Weltkriege zu erinnern. Die Kriegshandlungen in der heutigen Welt halten indes unvermindert an.



Der "Russenfriedhof" Haus Spital war früher ein Kriegsgefangenenlager. Fotos: Siegmund Natschke.

(C) Siegmund Natschke

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Sprakel: Gaststätte „Sandruper Baum“ schließt – und öffnet

  SPRAKEL. Ganz Sprakel stand kurzzeitig unter Schock: Die traditionsreiche Gaststätte „Sandruper Baum“ schließt für immer ihre Pforten, hieß es. Und in der Tat: “Unsere Zeit ist hier zu Ende.“, hieß es von den Pächtern Holger und Brigitte Pohlkamp in einem emotionalen Facebook-Post: “Nach siebzehn und erfolgreichen Jahren heißt es nun Abschied nehmen.“ Mit einem weinenden und einem lachenden Auge schließe man die Türen der Gaststätte „Sandruper Baum“. Ein Ort, der dank den Gästen so viel mehr gewesen sei als ein Arbeitsplatz. Denn: “Wir durften unzählige liebe Kunden begrüßen und begleiten, wundervolle Hochzeitsfeiern, liebevolle Geburtstage, feuchtfröhliche Vereinsveranstaltungen und so viele besondere Momente miterleben.“ Jede einzelne davon bliebe in bester Erinnerung. Und so schließt der Post: “Danke für siebzehn Jahre voller Begegnungen, Geschichte und Genuss. Danke für alles!“ Die Gaststätte "Sandruper Baum" schließt vorübergehend ihre Pforten. Foto: Siegmund Natschke...

Bauprojekt Friedrichsburg: Wo bleiben die Wohnungen?

  MÜNSTER. Eigentlich sollten hier rund 500 Wohnungen entstehen, dazu Kitas, Gastronomie, Nahversorgung und Büros. Eigentlich. Auf dem ehemaligen Klosterareal "Friedrichsburg" zwischen Weseler Straße und Kolde-Ring soll eines der größten neuen Stadtquartiere Münsters entstehen. Doch derzeit ist von diesem Vorhaben auf dem Gelände kaum etwas zu erblicken, nur eine grüne Wiese ist zu sehen. Der Hochbau hat noch immer nicht begonnen, der Tiefbau allerdings auch nicht. Lediglich ein paar Baumaterialien wurden abgelegt. Bauarbeiter? Fehlanzeige. LKWs? Fehlanzeige. Totenstille. Achja: In der Ferne sind zwei Kräne zu sehen. Doch die rühren sich nicht. Hier tut sich nichts. Warum tut sich an der Friedrichsburg nichts? Fotos: Siegmund Natschke Dabei sind die planerischen Voraussetzungen längst geschaffen. Der Bebauungsplan wurde 2022 beschlossen, die Baugenehmigung folgte am 21. Mai 2024. Mehr als zwei Jahre später wartet das Projekt weiterhin auf den eigentlichen Baubeginn. Inves...

Münster verhängt die Haushaltssperre - was das bedeutet

 MÜNSTER. Münster hat ein großes Geldproblem. Die Stadt verhängt deshalb mit sofortiger Wirkung eine Haushaltssperre. Grund dafür sind deutlich geringere Einnahmen, mit denen die Stadt im kommenden Jahr rechnen kann. Besonders kritisch sieht es bei den Zahlungen des Landes aus. Münster sollte 2027 eigentlich rund 95 Millionen Euro an sogenannten Schlüsselzuweisungen bekommen. Nach einer neuen Berechnung werden es aber voraussichtlich nur etwa 2,8 Millionen Euro sein. Ein Desaster. Denn der Stadt fehlen damit mehr als 92 Millionen Euro. Dieses Geld kann nicht einfach an anderer Stelle ersetzt werden. Die Stadt muss deshalb ihre geplanten Ausgaben überprüfen und nach Möglichkeiten suchen, weniger Geld auszugeben. Genau hier kommt die Haushaltssperre ins Spiel. Sie bedeutet nicht, dass Münster ab sofort überhaupt kein Geld mehr ausgeben darf. Der beschlossene Haushalt bleibt bestehen. Aber bei neuen Ausgaben wird jetzt genauer hingeschaut. Ausgaben müssen teilweise einzeln geprüft ...