Die bekannte Rezensentin und Literaturveranstalterin Renate Rave-Schneider hat für „Münster täglich“ wieder geschmökert. Heute bespricht sie Alex Schulmanns Roman „Jetzt beginnt das Leben“:
Den
soeben auf Deutsch erschienenen Roman von Alex Schulman habe ich mit
Spannung und stets wachsendem Interesse gelesen. Schon "
Verbrenn all meine Briefe" von ihm, mit dem ihm in Schweden
bereits 2018 der Durchbruch als literarischer Autor gelang, hatte
mich begeistert.Renate Rave-Schneider rezensiert Alex Schumanns "Jetzt beginnt das Leben". Fotos: RRS.
Ich
vermutete richtig, dass es sich auch dieses Mal wieder um eine Art
Kammerspiel im familiären Rahmen handeln würde mit dem Schwerpunkt
auf den psychologischen Beziehungsgeflechten zwischen den wenigen
Personen.
Carl
Magnus Alexander , kurz Alex Schulman, 1976 in Hemmesdynge geboren,
ist der Enkel des bekannten Autors Sven Stolpe.
Er
ist Autor, Journalist, Blogger sowie TV- und Radioproduzent; studiert
hat er in Stockholm Literatur und Philosophie.
Inhaltlich
geht es in diesem Meisterwerk um das Leben des Lehrers Vidar, das
nach und nach immer mehr aus den Fugen gerät, so wird er nach einem
gewalttätigen Vorfall in der Schule recht plötzlich vom Schuldienst
als Lehrer suspendiert. Davon handelt der eine Erzählstrang; in dem
anderen , der mit dem ersten Bus zum bestürzenden Ende mehr und mehr
zusammen führt, findet er zu Hause zufällig die alte Telefonnummer
des früheren Sommerhauses seiner Familie. Aus einer Laune heraus
wählt er diese Nummer.
"
Was ich hatte, war eine Telefonnummer, eine Direktverbindung in die
Küche unseres ehemaligen Sommerhauses. Und somit die Möglichkeit,
mit allen - sogar mit den bereits verstorbenen Familienmitgliedern-
zu sprechen, sogar mit mir selbst als Kind."
Irgendwann
stellt er fest, dass alle Gespräche, die er führt, in einem
bestimmten Tag seiner Vergangenheit münden und zwar dem 17. Juni
1986.
Er
legt eine Flipchart an, bei der er auf Zettel, die er daran pinnt,
akribisch genau jedes einzelne Gespräch mit dem Vater, der Mutter,
der Schwester notiert. Allmählich kommt er bestimmten
Kindheitstraum- Traumata, bestimmten Mustern und Zusammenhängen auf
die Spur, die im Bezug zu seinem Handeln heutzutage stehen.
Es
ist ein Talent Schulmans, leichtfüßig von der Gegenwart in die
Vergangenheit zu wechseln und auch diese durch Benutzung des Präsens
lebendig zu halten.
Mal
zeichnet der Junge, der etwa in der Pubertät sein muss, Comics, mal
hört er von "Europe" " The Final Countdown ".
Hier
ein Beispiel für Sprache und Stil Schulmans auf Seite 37:
"Sah
mich als Kind an Sommerabenden, die Familie versammelt, um 500 zu
spielen, die Karten völlig verklebt. Papa hat Popcorn gemacht und
zerlassene Butter darüber gegossen, die Fingerspitzen um den
Küchentisch glänzen. Mama trinkt einen Grappa mit Gin. Wenn jemand
eine Partie gewinnt, tut Mama als rege sie sich auf, sie ruft
"Shit".
Der
Junge kichert und draußen vorm Fenster werden die Wälder immer
dunkler."
Das
scheint mir eine Metapher zu sein für die häufige Trinkerei der
Mutter und die Düsternis und den langsamen Zerfall der Familie, bei
der man nicht so recht weiß, ob sich eine harmonische und gesunde
Basis wieder herstellen lässt.
Der
Roman ist autofiktional und wir wissen nicht erst seit der Verleihung
des Ingeborg- Bachmann- Preises in Klagenfurt im Juni 2026, dass
solcher Stoff derzeit angesagter ist als ersonnener, egal welcher
Gattung. Die Leute wollen aus dem Leben gegriffene Geschichten hören,
die sie wirklich berühren. Schulman ist dies mit dem vorliegenden
Roman gelungen.
Von
Renate Rave- Schneider
ALEX
SCHULMAN
Jetzt beginnt das Leben
Roman DTV, Hardcover
Aus
dem Schwedischen
von Hanna Granz
Deutsche Erstausgabe 2026
346 Seiten
ISBN 978-3-423-28579-7
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