Direkt zum Hauptbereich

Als Münster eine Straßenbahn hatte

 MÜNSTER. Kaum einer kann es sich heute noch vorstellen, aber es ist wirklich wahr: Münster hatte mal eine Straßenbahn. Ältere Münsteraner erinnern sich noch daran – manche sogar mit Wehmut. Und nicht wenige halten es inzwischen für einen Fehler, dass sie abgeschafft wurde.

Der letzte Weg der Straßenbahn. Sie wurde zum Stadthaus 3 gefahren. Foto: Stadtwerke Münster.

Es war der 3. November 1954, als  die letzte Straßenbahn durch Münster fuhr. Dabei hatte die „Elektrische“ seit 1901 zum Stadtbild gehört. Aus zunächst drei Linien war ein rund zwölf Kilometer langes Schienennetz geworden, das viel genutzt wurde. Kein Wunder: Es verband wichtige Teile der Stadt mit dem Zentrum und dem Hauptbahnhof und beförderte zeitweise rund fünf Millionen Fahrgäste im Jahr. Manche Münsteraner fuhren täglich mit „ihrer“ Straßenbahn.

Nach den schweren Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs stand die Stadt allerdings vor der Frage, ob sie das beschädigte Netz wiederaufbauen sollte. Sie entschied sich dagegen. Die Straßenbahn verschwand – und mit ihr die Grundlage für eine mögliche spätere Entwicklung zur Stadtbahn.

Im Innenhof des Stadthaus 3 kann nun die letzte Straßenbahn bewundert werden.  Foto: Stadtwerke Münster.

Der Verkehrsplaner Kurt Leibbrand kann für die Abschaffung zwar nicht verantwortlich gemacht werden. Als er 1961 mit einem neuen Gesamtverkehrsplan beauftragt wurde, war die Straßenbahn bereits Geschichte. Doch seine Planungen stehen beispielhaft dafür, dass falsche Vorstellungen damals eine Zukunft mit der Straßenbahn verhinderten: Vorgesehen waren unter anderem achtspurige  Ausfallstraßen, am Neutor sogar 18 (!) Spuren, sowie 36 kreuzungsfreie Knotenpunkte. Das alles ist nicht gekommen, aber die Straßenbahn kam nicht wieder.

Während andere Städte ihre Straßenbahnen modernisierten und zu Stadtbahnen ausbauten, setzte Münster auf Busse und Ausfallstraßen in die Umgebung. Auch der Oberleitungsbus ("O-Bus") , der nach dem Ende der Straßenbahn eingesetzt wurde, verschwand 1968 wieder.

Heute besitzt Münster kein innerstädtisches Schienennetz. Dabei hätte das alte Straßenbahnnetz durchaus eine Grundlage für einen weiteren Ausbau bilden können. Strecken zu Universität, Kliniken, Gievenbeck, Kinderhaus oder Hiltrup wären auf dieser Basis gut vorstellbar gewesen.

Ein letztes Stück dieser Geschichte steht noch heute im Innenhof des Stadthauses 3: der restaurierte Straßenbahnwagen 65. Er wurde nach der letzten Fahrt nach Würzburg verkauft, später in Hannover wiederentdeckt und schließlich nach Münster zurückgebracht.

Der alte Wagen ist deshalb mehr als ein Museumsstück. Er erinnert an eine verkehrspolitische Entscheidung, deren Folgen bis heute zu spüren sind. Während andere Städte ihre Straßenbahnen weiterentwickelten, muss Münster heute wieder darüber nachdenken, ob die Stadt nicht doch ein eigenes Schienennetz braucht. Die Straßenbahn von Münster gibt es derweil nur noch in der Erinnerung, und auch der Verein zur Rettung der letzten Straßenbahn hat sich inzwischen aufgelöst. Ein Kapitel, das geschlossen ist. Oder wird irgendwann ein neues geschrieben?


(C) Siegmund Natschke

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Bauprojekt Friedrichsburg: Wo bleiben die Wohnungen?

  MÜNSTER. Eigentlich sollten hier rund 500 Wohnungen entstehen, dazu Kitas, Gastronomie, Nahversorgung und Büros. Eigentlich. Auf dem ehemaligen Klosterareal "Friedrichsburg" zwischen Weseler Straße und Kolde-Ring soll eines der größten neuen Stadtquartiere Münsters entstehen. Doch derzeit ist von diesem Vorhaben auf dem Gelände kaum etwas zu erblicken, nur eine grüne Wiese ist zu sehen. Der Hochbau hat noch immer nicht begonnen, der Tiefbau allerdings auch nicht. Lediglich ein paar Baumaterialien wurden abgelegt. Bauarbeiter? Fehlanzeige. LKWs? Fehlanzeige. Totenstille. Achja: In der Ferne sind zwei Kräne zu sehen. Doch die rühren sich nicht. Hier tut sich nichts. Warum tut sich an der Friedrichsburg nichts? Fotos: Siegmund Natschke Dabei sind die planerischen Voraussetzungen längst geschaffen. Der Bebauungsplan wurde 2022 beschlossen, die Baugenehmigung folgte am 21. Mai 2024. Mehr als zwei Jahre später wartet das Projekt weiterhin auf den eigentlichen Baubeginn. Inves...

Sprakel: Gaststätte „Sandruper Baum“ schließt – und öffnet

  SPRAKEL. Ganz Sprakel stand kurzzeitig unter Schock: Die traditionsreiche Gaststätte „Sandruper Baum“ schließt für immer ihre Pforten, hieß es. Und in der Tat: “Unsere Zeit ist hier zu Ende.“, hieß es von den Pächtern Holger und Brigitte Pohlkamp in einem emotionalen Facebook-Post: “Nach siebzehn und erfolgreichen Jahren heißt es nun Abschied nehmen.“ Mit einem weinenden und einem lachenden Auge schließe man die Türen der Gaststätte „Sandruper Baum“. Ein Ort, der dank den Gästen so viel mehr gewesen sei als ein Arbeitsplatz. Denn: “Wir durften unzählige liebe Kunden begrüßen und begleiten, wundervolle Hochzeitsfeiern, liebevolle Geburtstage, feuchtfröhliche Vereinsveranstaltungen und so viele besondere Momente miterleben.“ Jede einzelne davon bliebe in bester Erinnerung. Und so schließt der Post: “Danke für siebzehn Jahre voller Begegnungen, Geschichte und Genuss. Danke für alles!“ Die Gaststätte "Sandruper Baum" schließt vorübergehend ihre Pforten. Foto: Siegmund Natschke...

Münster verhängt die Haushaltssperre - was das bedeutet

 MÜNSTER. Münster hat ein großes Geldproblem. Die Stadt verhängt deshalb mit sofortiger Wirkung eine Haushaltssperre. Grund dafür sind deutlich geringere Einnahmen, mit denen die Stadt im kommenden Jahr rechnen kann. Besonders kritisch sieht es bei den Zahlungen des Landes aus. Münster sollte 2027 eigentlich rund 95 Millionen Euro an sogenannten Schlüsselzuweisungen bekommen. Nach einer neuen Berechnung werden es aber voraussichtlich nur etwa 2,8 Millionen Euro sein. Ein Desaster. Denn der Stadt fehlen damit mehr als 92 Millionen Euro. Dieses Geld kann nicht einfach an anderer Stelle ersetzt werden. Die Stadt muss deshalb ihre geplanten Ausgaben überprüfen und nach Möglichkeiten suchen, weniger Geld auszugeben. Genau hier kommt die Haushaltssperre ins Spiel. Sie bedeutet nicht, dass Münster ab sofort überhaupt kein Geld mehr ausgeben darf. Der beschlossene Haushalt bleibt bestehen. Aber bei neuen Ausgaben wird jetzt genauer hingeschaut. Ausgaben müssen teilweise einzeln geprüft ...