Ich bin jetzt bald genau 15 Jahre im Lokaljournalismus. Ein Jubiläum, das mich sehr stolz macht. Ich habe in dieser Zeit jede Menge erlebt, unzählige Termine gehabt, viele Menschen getroffen und vor allem: ganz viele Artikel geschrieben. Es sind über 10.000 geworden... Eine enorme Zahl, die mein Archiv groß werden lässt. Es sind darunter unheimlich starke und spannende Geschichten, die es lohnen, nochmal erzählt zu werden. Für „Münster täglich“ krame ich ein bisschen in diesem Archiv und hole die besten Geschichten aus fünfzehn Jahren nochmal hervor. Die gibt’s jetzt ab sofort in der neuen Serie „Meine besten Geschichten“ zu lesen: www.muenster-taeglich.de. Weiter geht’s mit Folge 6 und einer Erinnerung an den legendären „Ziegenbaron“ Alfred von Renesse.
Alfred von Renesse war der "Ziegenbaron". Foto: Sammlung Henning Stoffers.
MÜNSTER/WOLBECK. Es gibt Originale, die zu Legenden werden. Und denen man für sein Leben gerne begegnet wäre. Dieses Glück hatte eine heute 83jährige Zeitzeugin, die mit 16 den damals schon 102jährigen „Ziegenbaron“ Alfred von Renesse traf. Hier ist ihre Geschichte.
Alfred von Renesse ist eine wahrhaft schillernde Figur in der Geschichte von Münster, sein einzigartiger Spitzname deutet bereits darauf hin. Renesse war eigentlich Landwirtschaftslehrer, erlangte aber Ruhm durch seinen vehementen Einsatz für die Zucht von Ziegen, der „Kuh des kleinen Mannes“. Warum ausgerechnet Ziegen? Damals glaubte man, dass Ziegenmilch eine wirksame Medizin, ja fast wundersame Waffe gegen viele Krankheiten sein könnte, wie etwa der Tuberkulose. Wegen ihres hohen Vitamin-D-Gehaltes wurde sie aber auch Kindern „verschrieben“, die an Rachitis litten. Offenbar mit Erfolg. Renesses Ziegenzuchtverein gewann unermesslich an Popularität - und seine Treffen wurden schließlich zu zunehmend amüsanten gesellschaftlichen Veranstaltungen. Die ZiBoMo Wolbeck übernahm später dessen Tradition.
Im letzten Lebensjahr von Renesse traf die heute 83jährige Zeitzeugin den „Ziegenbaron“, und das kam so:
„Es war 1957. Ich war damals Schülerin der katholischen Marienschule in Münster, auf die nur Mädchen gingen“, erzählt sie, „Wir wurden nur von Nonnen und einigen wenigen Lehrerinnen unterrichtet.“
Eines Tages habe eine Englischlehrerin gesagt, dass die Nonnen gebeten worden seien, Schülerinnen zum Ziegenbaron zu schicken - er wolle ihnen aus seinem Leben erzählen. Immerhin: Renesse war damals schon stolze 102 Jahre alt. Und so konnte er reichlich aus seinem Leben berichten, und diese Erinnerungen wollte er an die junge Generation weitergeben, so auch an eine Marienschülerin, die damals 16 war. Für sie ist ihre Begegnung mit dem Ziegenbaron bis heute unvergesslich, und sie erzählt gerne davon. Hier ist ihre Geschichte:
„Die Englischlehrerin fragte uns: ´Wer von Euch hat Rosenmontag eine halbe Stunde Zeit?´, und guckte streng in die Runde. Da ich dachte, ich könnte meine schlechten Noten in Englisch verbessern, habe ich sofort gesagt: Ich habe den ganzen Rosenmontag Zeit!“ Die Lehrerin guckte mich wohlwollend an: ´Schön!´, sagte sie. Und so ging ich Rosenmontag 1957 nachmittags zu dem Pflegeheim, in dem er wohnte.“
Die Zeitzeugin erinnert sich weiter:„Eine Nonne öffnete mir die Tür und sagte, ich solle hereinkommen, gab mir aber mit auf den Weg: ´Nur eine halbe Stunde! Bitte keine Fragen stellen! Nur zuhören, und nicht sprechen.´ Dann führte sie mich in einen Raum, dort waren zwei Reihen Stühle aufgestellt. In eine Reihe setzte ich mich, der Ziegenbaron saß schon – genau mir gegenüber. Ich sah ihm direkt ins Gesicht. Die Nonne sagte mir: “In einer halben Stunde komme ich wieder.“
Das war wie ein Startsignal: Der Ziegenbaron setzte an und erzählte aus seinem Leben, die volle halbe Stunde lang. „Ich sagte nichts und hörte nur zu - so wie die Nonne es mir gesagt hatte“, erzählt die Zeitzeugin, „Nach dieser halben Stunde kam sie zurück und führte mich wieder heraus. Sie bedankte sich bei mir für den Besuch und meinte zu mir gewandt: ´Danke, dass Sie zugehört haben.´ Ich ging und habe mich gewundert, dass der Ziegenbaron noch so viele Sachen wusste .“
Alfred von Renesse (rechts) hatte stets viel zu erzählen. Foto: Sammlung Henning Stoffers.
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