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Zahngold und Baldrian – die letzte Ausgabe der „Hallo“

MÜNSTER. „Mal wieder eine schlechte Nacht gehabt?“, fragt in der letzten „Hallo“-Ausgabe die Überschrift einer Anzeige für ein Baldrian-Präparat. In der Tat dürften die Beschäftigten des Aschendorff-Verlages derzeit nur schwer in den Schlaf finden. Zum 1. Mai werden alle seine Anzeigenblätter eingestellt – auch die „Hallo“, die man in Münster vor allem auf Gehwegen, in Hausfluren und nicht zuletzt auch in Mülleimern liegen sah, verabschiedete sich am Wochenende von ihren Lesern. Endgültig. Die letzte Ausgabe beinhaltete wieder die unvermeidlichen „Zahngold“- Werbeanzeigen („sofort Bargeld“), aber auch einen kleinen Abschiedsgruß. Nicht die Redaktion wendet sich im Editorial nochmal an die Leser, sondern „Ihr Team der Anzeigenblattgruppe Münsterland“. Und das begründet das jähe Aus so: “Vor dem Hintergrund der weltpolitischen Themen wie Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg, Energiekrise, Inflation und der daraus resultierenden Folgen haben wir uns dazu entschieden, sämtliche Anzeigenblätter zum 1. Mai einzustellen." „Noch nie dagewesene Kostensteigerungen“ habe es gegeben. “Fast dreifach höhere Papierkosten, deutlich gestiegene Energiekosten und der Anstieg des Mindestlohns um 22 Prozent“ würden den Anzeigenblättern die wirtschaftliche Basis entziehen.
Die letzte Ausgabe der "Hallo" beendet die Ära der Anzeigenblätter bei Aschendorff. Fotos: Siegmund Natschke

Der Aufmacher bleibt der einzige größere redaktionell verfasste Artikel. „Hinein ins kühle Nass“ heißt es da, es geht um die Eröffnung der Freibadsaison. Sonst wurde auch die letzte Ausgabe wie gewohnt erneut fast vollständig mit Pressemitteilungen der Stadt Münster gefüllt – die man dort auch im Internet nachlesen kann.

Ein Weg, den auch die „Westfälischen Nachrichten“ gehen. Das einstige Flaggschiff des Aschendorff-Verlages ist mit in die Krise geraten, nicht zuletzt weil solch kostenlos bereitgestellten Inhalte statt eigener journalistischer Artikel die Zeitung dominieren. Dieser Weg hat Konsequenzen.

So befürchtet der Presseverein Münster-Münsterland, dass es betriebsbedingte Kündigungen „in gravierendem Ausmaß“ geben wird.

Nach Berechnungen des Betriebsrates wird sich die Gesamtzahl der Entlassungen im Bereich der Westfälischen Medienholding auf etwa 2500 (!) belaufen. Das wäre in etwa die Hälfte der Gesamtbelegschaft, wobei die Zusteller dabei die größte Gruppe ausmachen dürften: Volkmar Kah, der Geschäftsführer des Deutschen Journalisten-Verbandes NRW, glaubt auf jeden Fall, dass mit der Schließung der Anzeigenblätter voraussichtlich alle Beschäftigten dort ihren Arbeitsplatz verlieren würden– von der Redaktion bis hin zu den Zustellern. Er meint: “Die Schließung reiht sich ein in eine von vielen Outsourcing- und Personalabbaumaßnahmen.“

Ein Ende kommt selten allein. „JETZT ist Schluss!“, verkündet Edeka in einer ganzseitigen Anzeige auf der letzten Seite der „Hallo“:“Wir stellen unsere Prospektverteilung ein“, heißt es dort: Die Prospekte gebe es zukünftig vor Ort in den Märkten – oder per Whatsapp.

Symptomatisch für die Tatsache, dass auch die Anzeigenkunden die Anzeigenblätter nicht mehr brauchen.

Das „Team der Anzeigenblattgruppe Münsterland“ verweist beschwörend auf die gedruckte Tageszeitung, die es auch weiterhin geben werde. „Danke, dass Sie uns hierhin begleitet haben“, heißt es in dem Abschiedsgruß an die Leser, dessen letzte Worte indes keiner glauben mag: “Auf Wiedersehen!“



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