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Ich habe Engelshaar gegessen

 Dass Süßigkeiten eine Wertanlage sein können, weiß man spätestens seit der Dubai-Schokolade. Angefangen hat der Hype auf Berliner Schulhöfen, wo unter Hip Hop-Klängen einzelne Riegel zu Höchstpreisen angeboten und meistbietend verschachert wurden. Da ging nicht selten gleich ein Vielfaches vom Taschengeld drauf. Dann griffen Influencer den Trend auf – und er war einfach nicht mehr zu stoppen. Die Social-Media-Lawine schwappte schließlich wieder ins „Real Life“ zurück. Manch einer fragte sich schon, ob er lieber in Aktien, Goldbarren oder in Dubai-Schokolade investieren sollte. Die süße Kreation entwickelte sich derweil weiter, eine „Food-Evolution“ sozusagen. Und der neueste Boom klopft schon wieder an die Tür.

"Engelshaar" ist der neueste Schokoladen-Trend. Fotos: Siegmund Natschke

Dessen Geschmack soll einfach himmlisch sein. Und so heißt der jüngste Schokoladen-Trend denn auch „Angels Hair“, also „Engelshaar“. Ich erkläre mich selbstlos bereit, ihn zu testen.


Wie gut, dass ich die Schokolade natürlich rein zufällig zum Geburtstag geschenkt bekam. In goldgelbem Staniol-Papier ist das gute Stück eingepackt. Spontan fällt einem der Werbespruch „so wertvoll wie ein kleines Steak“ ein, aber das Engelshaar ist wohl doch sehr deutlich edler und schmeckt auch zarter. Ruby-Schokolade aus Belgien bildet die äußere Hülle der süßen Rarität, sie kommt aus einem Land, in dem es Chokolatiers gibt und die Schokoladen-Herstellung zu einer altehrwürdigen handwerklichen Kunst geworden ist. Geschmacklich erinnert es ein wenig an die schwedische Mjölk-Schokolade, Darunter dann eine weiche Überraschung: Pistaziencreme. Sanft, nussig, mit einem Hauch von Vanille. Auch Granatapfel soll dabei sein. Das gab es in einer Schokolade noch nie. Und wer glaubt, jetzt wäre es schon vorbei mit dem Staunen, der irrt. Ein Hauch von Kirmes kommt plötzlich zum Vorschein. Zuckerwatte, ja wirklich Zuckerwatte. Das glauben zumindest viele. Tatsächlich ist es feinster türkischer Honig, der hier seine Fäden spinnt, eben zum „Engelshaar“. Es ist in der Tat wohl ein Geschenk des Himmels, das „Angels Hair“, welches nun ganz easy den Langzeit-Trend der Dubai-Schokolade weggekickt hat. Das Beste: Das „Engelshaar“ beweist eindrucksvoll, dass Schokolade auch exotisch duften kann. Man fühlt sich beim Genießen wie auf einem orientalischen Bazar oder in einer edlen Parfümerie. Und dabei bleibt es ganz selbstbewusst eigenwillig. Beim Reinbeißen gibt es nur ein ganz zartes Knacken, kein lautes Krachen. Normalerweise bewerten Schokoladen-Experten die Süßigkeit anhand der möglichst glatten „Bruchkante“. Die gibt es hier jedoch erst gar nicht, denn schnell gibt die Ruby-Schokolade nach und die Pistazien-Creme erobert den Raum. Zum Schluss treibt das „Engelshaar“ es auf die Spitze. Es kann immer noch eine Spur verwegener werden. So bilden geraspelte Himbeeren den krönenden Abschluss. Wohl zurecht ist diese Rarität der neueste Renner im süßen Himmel. „Die Götter müssen verrückt sein“, mögen einige denken, denn diese Schokolade bricht mit allen Regeln.  Und sie etabliert eine neue: “Genuss hat Vorrang. Immer.“ Und so ist, von vielen gänzlich unbemerkt, eine kleine süße Revolution entstanden, die das Zeug zur Legende hat. Und ich war dabei. Denn ich habe Engelshaar gegessen.


(C) Siegmund Natschke

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