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Der Friedensgang der Messdiener: Gegen die Schrecken des Krieges

NIENBERGE. Es wird nicht friedlich auf der Welt, im Gegenteil. Neue Kriege brechen aus und scheinen einfach nicht mehr aufzuhören. Und so gewinnt eine jahrzehntelange und überregional einzigartige Tradition in Münster-Nienberge plötzlich höchste Aktualität.

Die Nienberger Messdiener zogen mit Fackeln zum "Russenfriedhof" Haus Spital. Foto: Siegmund Natschke

Hier gehen nämlich Messdiener Jahr um Jahr an Allerheiligen zum Ehrenfriedhof „Haus Spital“. Viele kennen ihn hier nur als „Russenfriedhof“. Haus Spital war während des 1. und im 2. Weltkrieg ein Kriegsgefangenenlager. Die Toten wurden gleich nebenan beerdigt. Auf diesem Friedhof ruhen 816 Kriegstote des Ersten Weltkrieges, vornehmlich Russen, aber auch Polen, Ukrainer, Wolgadeutsche, ein Inder sowie etwa 200 Kriegstote des Zweiten Weltkrieges aus der ehemaligen Sowjetunion. Angst und Qual werden das Leben in der Kriegsgefangenschaft geprägt haben. Heute, über ein Jahrhundert nach Ende des 1. Weltkrieges und acht Jahrzehnte nach dem Zweiten, lässt sich das nur noch erahnen. Am großen Tor des Friedhofs steht „Requiescant in Pace“, was so viel heißt wie „Ruhe in Frieden“. Menschen unterschiedlichster Nationen sind hier gemeinsam begraben, die doch einst auf dem Schlachtfeld so erbitterte Feinde waren.Gerade in Zeiten des Ukraine-Krieges, in dem sich Ukrainer und Russen heute ebenfalls unversöhnlich gegenüberstehen, gewinnt das Ritual der Messdiener eine erschütternde Aktualität. Ein richtiger „Friedensgang“ sei das, heißt es denn auch von den Teilnehmern. Einer, der noch nie ausgefallen sei. Egal, wie das Wetter auch gewesen sei.

Und so war es auch dieses Mal: Trotz kalter und feuchter Witterung machten sich die Teilnehmer gemeinsam mit Diakon Reinhard Kemper entschlossen auf den Weg. Startpunkt war die Nienberger Friedhofskapelle, dann ging es in einem Fackelzug gemeinsam zum Ehrenfriedhof. Dort wurden Grablichter aufgestellt. Im St.-Sebastian-Pfarrzentrum endete dieser besinnliche Tag.

In Rjasan, der russischen Partnerstadt von Münster, hat man die Nienberger Tradition inzwischen übernommen. Ebenfalls an Allerheiligen zieht dort eine Gruppe von Bürgern zum dortigen Kriegsgefangenenfriedhof Djagelewo, um hier an die Kriegstoten beider Weltkriege zu erinnern. Die Kriegshandlungen in der heutigen Welt halten indes unvermindert an.



Der "Russenfriedhof" Haus Spital war früher ein Kriegsgefangenenlager. Fotos: Siegmund Natschke.

(C) Siegmund Natschke

 

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